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Kleines Juwel im Herzen Europas: Vilnius in Litauen



Foto: Baltikum Tourismus Zentrale
(pp) Vilnius ist ein kleines Juwel im Herzen Europas?, schrieb Richard Green in der Sunday Times über die Hauptstadt Litauens, und der Guardian verglich die junge nordeuropäische Republik mit ?einer Schatztruhe ..., die mehr als ein halbes Jahrhundert vergessen war?. Die beiden modernen Autoren haben einen prominenten Vorgänger: Thomas Mann. Der Literaturnobelpreisträger war nach einem Besuch 1929 von der litauischen Landschaft an der Kurischen Nehrung so angetan, dass er sich ein Ferienhaus in Nidden bauen ließ. Daraus wurde auf litauische Initiative das Thomas-Mann-Kulturzentrum, das im multiethnischen Gebiet der Ostseeküste vielfältig und aktiv Zeichen europäischen Denkens setzt.

Mit Recht, denn in Litauen liegt Europas Mittelpunkt. Das ist kein PR-Gag für mehr Fremdenverkehr. 1989 vermaß das französische Nationale Geographische Institut Europa und benannte einen Fleck an der Straße nach Moletai, 25 Kilometer nördlich von Vilnius, als den geographischen Mittelpunkt des europäischen Kontinents. Wie sehr sich die Litauer dem Westen verbunden sehen, belegt eine kleine Gedächtnisbüste in Vilnius. Sie ist Frank Zappa gewidmet und ist vermutlich weltweit die einzige Statue für den amerikanischen Musiker.

Keine Angst vor dem Teufel
Die Litauer gelten als die Extrovertiertesten - und Anarchischsten - der drei baltischen Länder. Vielleicht, weil sie quasi die Südländer der Balten sind? Thomas Mann hatte hier immerhin italienische Atmosphäre ausgemacht. Oder liegt es daran, dass die Litauer auch am längsten den Christianisierungsversuchen der deutschen Kreuzritter widerstanden? Es dauerte bis 1385, ehe die Bauern und Krieger östlich der Nemuna (Memel) als letzte Europäer zum Christentum übertraten. Kurz zuvor wurden die Grundsteine für die Kathedrale von Exeter oder das Ulmer Münster gelegt. Das eng mit dem indischen Sanskrit verwandte Litauisch gilt als älteste lebende indogermanische Sprache. Litauen bringt deshalb auch einen befruchtenden Hauch von Heidentum in die Europäische Union ein, und die heidnisch-alemannische Fastnacht findet im südlichen Land an der Ostsee ihren Gegenpart, wo man quer durch das Land Feste wie den Karneval-Kehraus als Winterende und die Mitsommernacht stolz feiert. Auf vielen Kirchtürmen lodert rund um das christliche Kreuz als heidnisches Symbol der Feuerkranz. Und bis heute heißt so mancher Litauer nicht Klaus oder Grete, sondern ins Deutsch übersetzt ?Sonne?, ?Meer? oder ?Glück?. Sogar bekennende Heiden gibt es noch. Die Romuva Bewegung in Vilnius und Kaunas, aber auch in einigen Überseegemeinden, arbeitet daran, Litauens alte Spiritualität und Folklore wiederzuerwecken. Anders als sonstwo in Europa ist es den christlichen Kirchen nicht gelungen, den alten, lebensbejahenden Perkunnos, den Donnergott der Litauer, in einen schrecklichen Höllenfürsten zu verwandeln. Die Universitätsstadt Kaunas widmet dem Teufel sogar ein eigenes Museum. Denn in Litauen verlockt er als schelmischer Gesell zu Spiel und Genuss und damit zu so manchem ?Ausrutscher?. Allerdings kann es in litauischen Sagen dann schon mal vorkommen, dass verärgerte handfeste Litauerinnen den Teufel grün und blau schlagen.

Die Russen hatten ihr Kreuz
Quasi als Yang-Element zur litauisch-heidnischen Seele tritt die Begeisterung für den Katholizismus bzw. die russisch-orthodoxe Kirche auf dem Land. Litauen ist wohl das katholischste der baltischen Länder. Während der russischen Okkupation verhalf der Glaube den Litauern zum erst verhaltenen und dann immer lauteren Widerstand gegen die Besatzer. Weltweite Symbolkraft hatte die Geschichte des Bergs der Kreuze bei ?iauliai im Norden Litauens, eines Hügels, an dem litauische Gläubige im Verlauf der Jahrhunderte einen Wald von Tausenden von Kreuzen errichtet hatten. Zwischen 1961 und 1975 hatten kommunistische Funktionäre versucht, diese einzigartige Gedenkstätte zu zerstören, und mehr als 5.000 Kreuze niedergerissen. Aber über Nacht tauchten auf dem Hügel immer neue Kreuze auf. Als Zeichen des Widerstands brachten nicht nur die Einwohner der Gegend, sondern auch Menschen aus ganz Litauen und dem Ausland heimlich Kreuze heran, bis endlich mehr standen als zuvor. Am 7. September 1993 besuchte schließlich Papst Johannes Paul II. den Berg der Kreuze. Ein Jahr später erreichte Litauen ein Geschenk - das Kreuz ?Ave Crux? vom Papst persönlich.

Die UNESCO war beeindruckt
Die sowjetische Besatzung hatte dieses einmalige kulturelle Ensemble lange Zeit von Europa abgeschnitten und zu einem weißen Fleck auf der Landkarte des europäischen Tourismus gemacht. So gibt es in einem Land, das für viele Deutsche nicht weiter als Spanien entfernt ist, noch großartige landschaftliche Schätze und Kulturdenkmäler zu entdecken, allen voran die Altstadt von Vilnius, deren fachgerecht restaurierte Gassen und Höfe, Befestigungen, Türme und Kirchen von der UNESCO vollständig in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Zur Begründung schreibt die Weltorganisation: ?Vilnius hatte einen entscheidenden Einfluss auf die kulturelle und architektonische Entwicklung eines Großteils von Osteuropa. Trotz Invasionen und Teilzerstörungen hat es einen eindrucksvollen Komplex von Bauten der Gotik und Renaissance, des Barock und des Klassizismus bewahrt, dazu seine mittelalterliche, natürlich gewachsene Stadtanlage.? Deshalb geht der Name für Vilnius, das wegen seiner Silhouette mit vielen Türmen und Kirchen gerne als ?Perle des Barock? bezeichnet wird, auch an der Wirklichkeit vorbei. Vilnius ist seit 1322 Hauptstadt Litauens und bietet unzählige historische Bauten verschiedener Epochen, so z.B. St. Anna, ein Juwel der späten Backsteingotik und eine der schönsten Kirchenbauten Nordosteuropas, das Barockkleinod der Peter-und-Paul-Kirche, oder den Renaissancebau der 1579 gegründeten Universität.

Ein Eldorado für Naturfreunde
Wie Estland und Lettland ist auch Litauen ein Eldorado für Naturfreunde, das Wert auf unverbaute und unverfälschte Landschaften legt, wie sie in Mitteleuropa vielleicht noch vor 300 Jahren existiert haben. Mit 65.300 Quadratkilometern ist Litauen größer als die Niederlande oder Dänemark, zählt aber nur 3,7 Millionen Einwohner (Holland: 16 Mio.), von denen knapp 600.000 in Vilnius leben. Weite Niederungen, Hügelketten mit rund 4.000 Seen, zahlreiche Moore und Wälder sowie hohe Sanddünen an der Ostseeküste prägen eine Landschaft, in der noch Fischottern, Wölfe und Luchse, Seehunde und seltene Fledermäuse wie die Zwergfledermaus und Breitflügelfledermaus leben. Sie zu beobachten, ist in freier Natur allerdings wegen der Scheu der Tiere für Touristen nahezu unmöglich. An den Seeufern und Flusswindungen des Nationalparks von Zemaitija im Nordwesten, einem wald- und wildreichen Naturreservat, liegen kleine Dörfer, die vom neuen Europarummel noch wenig mitbekommen haben. Unbedingt einen Besuch wert ist die in Europa einzigartige Landzunge der 98 Kilometer langen und stellenweise nur 400 m breiten Kurischen Nehrung, deren nördliche Hälfte zu Litauen und deren südliche Hälfte zu Russland gehört. Mit ihren weißen, bis zu 60 m hohen Sanddünen, ihrer eigentümlichen Tier- und Pflanzenwelt wurde sie in die Liste des Weltnaturerbes der UNESCO aufgenommen. Mindestens fünfzehn Dörfer wurden in den letzten vier Jahrhunderten von den Wanderdünen ?geschluckt?. Die zauberhafte ?Kleinst-Stadt? Nida, Thomas Manns vorübergehende Wahlheimat, und die Dörfer Preila, Pervalka und Juodkrante stellen sich zunehmend auf Urlaubsgäste ein.
Tief im Süden Litauens liegt der alte Kurort Druskininkai, ein idealer Ausgangspunkt für Wanderungen, Fahrradtouren oder Dampferfahrten durch die wunderschöne Flusslandschaft der Nemunas. Östlich von Druskininkai und ganz in der Nähe wartet ein weiteres Naturparadies auf Wanderer, Angler, Vogelkundler, Radler oder Reiter: der urwüchsige Dzukija-Nationalpark, mit 550 Quadratkilometer der größte Naturpark Litauens.

Deutsche Gäste fühlen sich in Litauen übrigens besonders wohl. Denn einerseits ist das litauische Nationalgetränk Bier, andererseits schätzen die Menschen hier dunkles und sehr schmackhaftes Roggenbrot.
 
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