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Bier, oder Pivecko - ein zärtliches Verhältnis



Foto: djd/RatGeberZentrale
(pp) Wenn in Chodova Plana die Bierfässer rollen, dann ist dem Städtchen, das 15 Autominuten hinter der westböhmisch-bayrischen Grenze liegt, internationale Aufmerksamkeit gewiss. Denn Chodova Plana ist Austragungsort der tschechischen Meisterschaft im Bierfassrollen. Zu dem sehr alten Brauereiwettbewerb gibt es seit 1930 sogar Weltmeisterschaften, welche die örtliche Brauerei 1996 sogar einmal gewann. Unter Biertrinkern ist Chodova Plana aber nicht nur deshalb Kult. Zum großen Bierfest Ende August strömen bis zu 7.000 Menschen aus der Region.

Bier ist aus der tschechischen Kultur so wenig wegzudenken, dass der Schriftsteller Bohumil Hrabal einmal schrieb ?In Prag fließt Bier statt Grundwasser?. Seit mehreren Jahren halten die Tschechen den Weltrekord im Bierkonsum pro Kopf . Sie trinken durchschnittlich 160 Liter pro Jahr, also 30 Liter mehr als die Deutschen, die Zweiten in der Rangliste. Der EU-Beitritt, so hoffen viele Tschechen, wird ihrem Nationalgetränk ganz neue Chancen bescheren. Die Umsatzentwicklung des größten tschechischen Bierproduzenten, der berühmten Pilsener Urquellbrauerei, nährt solche Schätzungen. Bereits 2003 konnte die Brauerei ihren Auslandsumsatz um satte 20 Prozent auf 1,5 Millionen Hektoliter steigern. Neben den ca. 50 Brauereien, die der Sozialismus von den einst 1.200 übrig ließ, gibt es rund zwei Dutzend Minibrauereien in Gaststätten, wo man die Bierherstellung beim Biertrinken verfolgen kann. Die bekannteste ist die Brauerei U Flekù in Prag, wo seit 1499 Bier gebraut wird.

Bier heißt auf Tschechisch eigentlich pivo (sprich: piwwo). Liebhaber nennen es aber auch gerne pivecko (sprich: piwwetschko), was so viel wie ?ein Bierchen? heißt, ein echter Kosename, in dem viel Emotion mitschwingt. Und so wie es im Deutschen naturgemäß für Gasthaus alle möglichen Namen gibt (von Wirtschaft über Krug und Schänke bis zu Pinte und Kaschemme), spricht der Tscheche von hospoda (sprich: hosspodda)/Kneipe, hostinec (sprich: hostjinetz)/Gasthaus, krcma (sprich: krrtschma)/Schänke, výcep (sprich: wyytschepp)/Ausschank oder pivnice (sprich: piwnjitze)/ Bierstube. In möglichst keinem dieser gastlichen Häuser sollte man versuchen, ein ?Radler? zu bestellen. Dieses mit Limonade verdünnte Bier gilt in Tschechien als Inbegriff der Unkultur.

Doch pivo ist nicht gleich pivo. Es gibt Biere in ca. 300 Sorten ganz unterschiedlicher Stärke. Mindestens wird noch nach dvanáctka (sprich: dwannaatztkka) - zwölfer Bier und desítka (sprich: dessiitka) - zehner Bier - unterschieden. Damit wird in Biere verschiedenen Gärungsgrads eingeteilt. Das dvanáctka ist stärker und hat meist 4,8 % Alkohol, das desítka nur rund 4,2 %. Und was einem dann in einem pullitr (sprich: puullittrr)/Halbliter-Glas serviert wird, das ist entweder svetlé (Aussprache: sswjetlee) pivo/helles Bier oder cerné (Aussprache: tschernee) pivo/dunkles Bier.

Ausprobieren lässt sich das alles natürlich bestens in Chodova Plana, das wohl mit einem der schönsten Felsenlokale Europas aufwarten kann. Die örtliche Familienbrauerei ist das älteste Brauhaus in der westböhmischen Region. Die älteste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahr 1634. Eine behördliche Anordnung aus jener Zeit verpflichtete die Brauerei, allen Müttern bis zur sechsten Woche nach einer Geburt ausgiebig Bier zu liefern. Die Felsenkeller stammen bereits aus dem 12. Jahrhundert und werden bis heute benutzt. In einem Teil ist ein Brauereimuseum untergebracht, in einem weiteren wurde ein Restaurant eröffnet, das Gerichte aus der böhmischen und internationalen Küche und -natürlich - Bierspezialitäten anbietet. Den ungewöhnlichen Ort erreicht man über einen 40 m langen Gang durchs Felsenmassiv. Nach vorheriger Absprache kann auch die Brauerei besichtigt werden (Informationen/Platzreservierung usw. unter Tel.: 00420 374 798 122 oder Tel.: 00420 374 794 181).

Prost heißt übrigens Na zdravi - zwei Worte, die Türen öffnen können.

Bobby Langer

 
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